Montag 18. Juni 2018
  • Sicher sozial statt sozialversichert.

10% armutsgefährdet

Die Soziale Lage der Selbstständigen

Der Strukturwandel der Arbeitswelt und des Wirtschaftslebens hat eine große Gruppe an prekär arbeitenden UnternehmerInnen hervorgebracht, die sowohl mit geringem Einkommen als auch mit hohem unternehmerischen Risiko leben müssen.

Rasanter Strukturwandel

 

Seit zwei bis drei Jahrzehnten wandelt sich die Arbeitswelt rasant. Besonders die Digitalisierung und die mit der Globalisierung verbundene Transformation unseres Industrie- zu einem Dienstleistungs-Standort haben zum Entstehen neuer Berufe, neuer Branchen und neuer Arbeitsformen geführt (»Creative Industries«, wissensbasierte Dienstleistungsberufe etc.).

 

Zwischen den klassischen, klar abgegrenzten sozialpartnerschaftlichen Rollenbildern (»Arbeitnehmer«/ »Arbeitgeber«) sind neue Arbeitsformen entstanden. Auch die Erwerbsbiografien verlaufen heute bei weitem nicht mehr so kontinuierlich wie früher. Ein mehrfacher Wechsel zwischen Selbständigkeit und Unselbständigkeit ist heute genauso nichts Ungewöhnliches wie gleichzeitige Einkommen aus selbständiger und unselbständiger Arbeit.

 

Halbe Million Menschen ohne sozialpartnerschaftliche Vertretung

 

Wenn man Ein-Personen-UnternehmerInnen, Neue Selbständige, FreiberuflerInnen, KünstlerInnen, Freie DienstnehmerInnen sowie andere atypische Beschäftigungsformen zusammenzählt, sitzen schätzungsweise rund eine Million Menschen zwischen den sozialpartnerschaftlichen Stühlen.

 

Weder die Sozialpartner noch die Politik im Allgemeinen haben diesen Strukturwandel wirklich verstanden, geschweige denn in ihrer Arbeit bislang ausreichend berücksichtigt. Viele Selbständige fühlen sich heute von niemandem politisch vertreten.

 

Mittlerweile gibt es ein relativ großes Selbständigen-Prekariat, also Menschen, die viel an sozialer Unsicherheit und geringen Einkommen zu akzeptieren bereit sind, um ihren Traum von der Selbständigkeit zu leben. Ein nennenswerter Anteil (je nach Umfrage etwa 10 bis 15%) tut dies auch unfreiwillig, wurde zur Selbständigkeit gezwungen und würde gern bei erstbester Gelegenheit wieder in ein unselbständiges Beschäftigungsverhältnis zurückkehren (Scheinselbständige, Outgesourcte, unfreiwillige Betriebsnachfolger innerhalb der Familie, vom AMS in die Selbständigkeit gezwungene …).

 

Früher galt in der Regel:

 

Unternehmer = Geringe Sicherheit und hohe Eigenverantwortung, aber höheres Einkommen.

Arbeitnehmer = Hohe Sicherheit und geringe Eigenverantwortung, dafür geringeres Einkommen.

 

Heute müssen viele »kleine« Selbständige mit den Nachteilen aus beiden Welten leben, also: Geringe Sicherheit sowie hohe Eigenverantwortung und trotzdem geringes Einkommen. »Unternehmerischem Risiko« steht heute in vielen Fällen kein adäquater »Unternehmerlohn« gegenüber.

 

 

Einige Kennzahlen
 

Anzahl der EPUs innerhalb der Wirtschaftskammer: rund 250.000

EPU-Anteil unter den Wirtschaftskammer-Mitgliedern: rund 56%

Armutsgefährdungsrate bei den Selbständigen: rund 10% (nach HilfsarbeiterInnen mit 12%)

Anteil der SVA-Versicherten im Bereich der Mindestbemessungsgrundlage: rund 50%

 

 

Mangelhafte Interessenvertretung

 

Viele (Neue) Selbständige fühlen sich heute von niemandem ernstgenommen und wirklich vertreten – weder von der Wirtschaftskammer noch von den Gewerkschaften. Der Begriff »EPU« ist erst seit etwa 2006 in der wirtschaftspolitischen Debatte gebräuchlich. Fragen der sozialen Absicherung werden erst seit rund drei Jahren intensiv diskutiert (Gründung der Facebook-Gruppe »Amici delle SVA«).

 

Obwohl die Wirtschaftskammer mit Werbemaßnahmen, netten Broschüren, EPU-Beauftragten und einschlägigen Beratungsveranstaltungen reagiert hat, werden Ein-Personen-Unternehmen noch immer als Fremdkörper empfunden, der eigentlich aus der Kammer entfernt werden sollte. Ein-Personen-Unternehmen werden nicht als eigene – in der Regel weniger wachstums- als freiheitsorientierte –Unternehmensform akzeptiert, sondern ständig mit Unternehmensgründern und Gescheiterten in einen Topf geworfen. Dass es sich dabei um zahlende Pflichtmitglieder der Wirtschaftskammer handelt, die in ihrer spezifischen Interessenlage Anspruch auf Vertretung haben, wird gerne verdrängt.

Sabine Jungwirth | © August Lechner
Sabine Jungwirth

Bundessprecherin der Grünen Wirtschaft

 

> Twitter

Kontakt
Grüne Wirtschaft Blümelgasse 1, A-1060 Wien
Telefon 01 / 523 47 28
office@grünewirtschaft.at

Schreibe uns
eine Nachricht!
Darstellung:
http://www.fafneu.at/